14.05.17

the visit


13.5.2017;


Nach zwei Tagen und zwei Nächten wird es Zeit, mein Berliner Zuhause und somit A. erneut zu verlassen, es ist Samstagnachmittag und ich gehe sehr pünktlich los, ich brauche jetzt auch nicht mehr so lange nach unten, da ich ja nur noch einen kleinen Handgepäckkoffer bei mir habe und keine 40kg Gepäck. Als ich unten ankomme sehe ich, wie die ältere Dame aus dem Hochparterre versucht, mit ihrem Rollator die Eingangstür aufzubekommen. Ich eile ihr zu Hilfe und halte die Tür auf, bis sie es nach draußen geschafft hat. Das dauert leider so lange, dass ich meine U Bahn verpasse. Glücklicherweise dauert es nur weitere vier Minuten, bis die nächste U7 einfährt und ich mich auf den Weg nach Rudow machen kann. In der Bahn schaue ich nochmal nach, wann ich mit dieser Verbindung am Flughafen ankomme, da ich ja nun inzwischen doch etwas knapp dran bin.

17.10 Uhr komme ich laut App am Terminal an – 30 Minuten bevor Gate und Boarding schließen. „Etwas knapp, aber machbar.“, denke ich. Der Vorteil am Reisen mit Handgepäck ist halt einfach, dass man sich das lästige Einchecken am Flughafen sparen kann. Ich schreibe A., dass ich hoffe, dass an der Securityschlange nicht so viele Leute stehen und ich fix durchkomme. „Ich drück dir die Daumen.“, schreibt er zurück.

In Rudow muss ich nur wenige Minuten auf den Bus warten und steige nach kurzer Zeit ein. „It's time to go, please make your way to gate 65“ erscheint auf meinem Handy.
Wenige Minuten später sind wir endlich nicht mehr allzu weit von Schönefeld entfernt, wir passieren die Stadtgrenze Rudow und kurz darauf bleibt der 171 einfach stehen. „Komisch“, denke ich. „die reguläre Haltestelle liegt doch bereits hinter uns.“
Ich muss gar nicht aus dem Fenster schauen um zu sehen, dass etwas nicht stimmt. Die Reflektion des Blaulichts streift in regelmäßigen Abständen mein Gesicht. Natürlich ist mein Bus voll mit Gaffern, die sofort aufspringen, ihre neugierigen Nasen an den dreckigen Scheiben plattpressen und versuchen zu erspähen, was da draußen so vor sich geht.

Es ist mir total egal, was da draußen vor sich geht, ich will einfach nur, dass der Bus weiterfährt und ich meinen Flieger noch erwische. Natürlich hoffe ich auch, dass außerhalb des Busses niemand verletzt oder plattgefahren auf der Straße liegt.
„Der Bus fährt nicht weiter, Straße ist abgesperrt, Polizei ist da“ tippe ich. A. textet sofort zurück und fiebert mit mir mit. Während die Gaffer noch immer an der Scheibe kleben, obwohl man außer einem Polizeiauto offensichtlich nichts sehen kann, überlege ich, was ich jetzt tun soll. Gerade als ich darüber nachdenke, den Busfahrer zu bitten, die Türen zu öffnen, kommt eine Durchsage: „Dit jeht jetzt hier erstmal ne Weile nich weita wa.“, sagt er und öffnet die Türen. Ich greife mir meinen Koffer und springe aus dem Bus. Als ich den schmalen Gehweg langhetze, sehe ich ein umgekipptes Auto mitten auf der Straße liegen. „Scheiße“, denke ich, bin aber erleichtert, nirgendwo Blut oder einen Leichensack zu sehen.

Als ich nach vorne schaue, sehe ich erst, wie weit der Flughafen noch weg ist. Noch bevor ich anfange zu rennen, schießt mir die Hitze ins Gesicht und mein Herz beginnt zu rasen. Urplötzlich kommt mir mein alter Sportlehrer in den Sinn - als ich mit 21 jungen Jahren damals keine zwei Minuten am Stück laufen konnte und fast in der Halle zusammenbrach, legte er kopfschüttelnd seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Sie werden mit 30 nicht mehr allein in einen Bus einsteigen können.“ Damals habe ich gelacht, heute denke ich, er hat vielleicht Recht.

Es ist 17.17 Uhr als ich anfange zu rennen, oder zumindest so schnell vor mich hin zu stolpern, wie es halt geht. 17.27 Uhr erreiche ich nach 1,7km das Terminal und bin schweißüberströmt, am Einlass zur Security Control steht niemand an. „So jeht dit aber nich, Frollein!“, tönt es, als ich gerade mehr oder weniger elegant versuche, unter der Absperrung durchzuklettern um den Weg abzukürzen. Ich werfe ihm einen Blick zu der sagt, dass das absolut nicht witzig ist. „Dit is keen Witz, Frollein!“ sagt er. Leider lacht er dabei nicht. Ich denke, ich spinne und mir fällt vor lauter körperlicher Erschöpfung kein intelligenter Konter ein. Ich entscheide mich mutig dafür, vor seinen Augen trotzdem die Abkürzung zu nehmen und renne einfach so schnell ich kann zur Sicherheitskontrolle weiter. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie er mir durch die Scheibe einen Vogel zeigt. Ich bin schon versucht, ihm einen zurückzuzeigen, als mir einfällt, dass man es sich am Flughafen vielleicht besser nicht mit dem Personal verscherzt. Ich drehe mich einfach um und sehe dabei dem nächsten Problem ins Auge. Es ist nur eine einzige Sicherheitskontrolle offen und vor mir stehen locker 15 Leute. Ich zittere am ganzen Körper und spüre eine leichte Panik aufsteigen. In zehn Minuten schließt das Boarding für meinen Flug und ich bin noch nicht mal im Sicherheitsbereich. Durch die Anstrengung treten mir Tränen in die Augen und mit voller Verzweiflung in der Stimme frage ich, ob mich jemand vorlassen würde. Ich erwarte Reaktionen wie „Na wärste halt ma früher herjekomm'n, denn passiert sowat ooch nich wa.“ oder „Jajaja, zu spät komm'n und denn noch vordrängeln wa.“.

Doch vor mir teilt sich die Menge und alle lassen mich einvernehmlich vor, ich kann mein Glück kaum fassen und mir kullert eine Träne die Wange hinunter. Vor Freude, natürlich. Ich knalle meinen Koffer aufs Band, schmeiße den Laptop und meinen Beutel mit den Flüssigkeiten in die dafür vorgesehenen Schalen und trete durch den Detektor. Natürlich piepse ich und werde ausgiebig kontrolliert. Für die Schnalle an meinem Gürtel interessieren sich wieder alle, dass ich aber 10 Gelkapseln mit Waschmittel in meinem Koffer dabei hab, ist scheinbar in Ordnung.

Nachdem ich all mein Zeug vom Band gesammelt hab, renne ich durchs Terminal, natürlich ist Gate 65 das vorletzte und somit doch relativ weit von mir entfernt.
„This is the final call for passengers on flight EZY8214 to London Gatwick!“, höre ich es durch die Lautsprecher schallen und weiß, dass man beim Final Call nicht nur etwas spät sondern so richtig spät ist. Die große Uhr an der Wand weist mich mit lautem Klicken darauf hin, dass mir noch 60 Sekunden bleiben, ich weiß nicht, woher ich die Energie nehme, meine Puddingbeine die letzten 10 Gates zum Rennen zu bewegen, aber irgendwie komme ich an. Ich klatsche meinen Pass auf den Tresen und ringe um Luft, während der Polizist länger als nötig das Photo mit dem verschwitzten Original vergleicht. Ich schleppe mich die letzten drei Meter Richtung Flugsteig und werde natürlich prompt aufgefordert, meinen Koffer noch aufzugeben, da schon alles voll sei.
Mir ist im Moment eigentlich alles egal, ich will nur wieder atmen können und an Bord des Fliegers gehen. Hektisch krame ich die wichtigsten Sachen aus meinem Koffer und schmeiße alles in meinen kessen Jutebeutel. Ich wanke Richtung Flugzeug und stolpere irgendwie die Treppe hoch.

Auf dem Weg zu meinem Platz durchbohrt ein stechender Schmerz meine Lendengegend. „Scheiße“, denke ich. Smoothie und Mate sind wohl durchgelaufen und wollen raus. Da ich eh schon die letzte bin, gebe ich nun alles um mich weiter unbeliebt zu machen. Ich lege meinen Kram auf meinem Sitz ab und gehe schnurstracks weiter zur Toilette. Nach dem Verriegeln der Tür erschrecke ich mich kurz, als ich mein Spiegelbild sehe. Um den Flugbetrieb nicht weiter aufzuhalten, beschließe ich, mich dann später auf meinem Platz nachzuschminken und pinkel einfach nur schnell.

Die augenrollenden Leute auf dem Weg zurück ignoriere ich gekonnt und lasse mich in meinen Sitz fallen. Ich schnalle mich an und schmeiße meinen Beutel unter den Vordersitz. Wir rollen schon langsam Richtung Startbahn als ich A. noch schnell ein „Ich liebe dich!“ schicke, dann schalte ich mein Telephon in den Flugmodus und atme tief durch.


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